Dass ich das erst jetzt entdecke… Die Sendung mit der Maus #forever

Fundsätze – Ferienlektüre

Posted: 15th August 2015 by juhudo in Allgemein

Wir gehen von der Überzeugung aus, daß sie[die Geschichtsschreibung] sowohl einen künstlerischen wie einen moralischen Charakter hat; und daraus folgt, daß sie keinen wissenschaftlichen Charakter hat.

Egon Friedell, Kulturgeschichte der Neuzeit. S3

Für ihn [Otto Kugelblitz] war es offensichtlich dass der Mensch im Laufe seines Lebens die verschiedenen seinerzeit klassifizierten Geistesstörungen durchmacht: den Solipsismus des Kleinkindes, die sexuelle Hysterie der Adoleszenz und der frühen Erwachsenenzeit, die Paranoia der mittleren Lebensjahre, die Demenz des Alters … und das alles läuft auf den Tod zu, der sich dann endlich als „geistige Gesundheit“ erweist.

… einen Lehrplan [für eine Schule] zu formulieren, nach dem jede Jahrgangsstufe mit einer anderen Geisteskrankheit gleichgesetzt und entsprechend behndelt wurde. Im Grunde eine Klapsmühle mit Hausaufgaben.

Thomas Pynchon, Bleeding Edge, S 8, 9.

 

… to be continued …

Mangas für die Schulbibliothek I

Posted: 15th Juli 2015 by juhudo in Allgemein, lesekompetenz
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Mangas gehören zu den meistgelesenen Büchlein unserer Schulbibliothek. Wir haben alle Dragonballs (der Originalserie), alle Narutos, einige Cheeky Vampires, über 30 der Conans. Bei der Überlegung, ob wir ein weiteres anschaffen sollen, sind mir ein paar Schülerinnen und mein Neffe als ExpertInnen behilflich, aber einlesen muss ich ich noch selber. Ich hab schon einmal angefangen:

1.) 5 Centimeters per Second von Yukiko Seike und Makoto Shinka
ist die Geschwindigkeit, mit der eine Kirschblüte zu Boden fällt. In dem über 460 Seiten starken Band (es gibt ihn einstweilen nur in Englisch) geht es um eine bittersüße Liebensgeschichte, die sich über mehrere Jahre hinzieht und keine Erfüllung findet. Sehr poetisch, aber mit der Zeit nervt es, dass sich die beiden Protagonistinnen  nacheinander verzehren, aber sich trotzdem immer weiter auseinanderentwickeln und das Leid kein Ende nimmt.

2.) Death Note von Tsugumi Ohba
hat den interessanten Einfall, dass ein gelangweilter Todesgott sein „Death Note“ absichtlich verliert, weil er sehen  will, was die Menschen damit anfangen. Ein intelligenter und etwas eingebildeter 16-jähriger Schüler findet es und will die Welt damit verbessern. Er schreibt die Namen vieler Verbrecher in das Todesbuch, die alle eines natürlichen Todes sterben. Trotzdem werden die Behörden durch die schiere Menge aufmerksam und ein Gegenspieler wird ausgewählt, der den Täter ausfindig machen soll. Spannend ist, dass er den Todesgott Ryuk sehen kann, der alles beobachtet und dass das „Death Note“ seine Regeln nur nach und nach preigibt.

3.) B.A.D. – B.eyond A.nother D.arkness von Keiji Ayasato
und Sousou Sakakibara
ist eine Gothic-Mystery-Geschichte, in der es um eine junge, geheimnisvolle Detektivin geht, die übrnatürliche Fälle löst. Es nach dem Selbstmord seiner Freundin depressiver junger Mann hilft der zickigen 14-jährigen, es geht um Selbstmord, reale und eingebildete Ängste, das Jenseits spielt mit.

 

 

4.) Bestiarius von Masasumi Kakizaki und Constantin Caspary
Ein Manga, das in einem fiktiven römischen Imperium spielt, in dem intelligente Sagenfiguren wie Minotauri und Wyvern leben und in römischen Arenen kämpfen mussen. Sie binden sich jeweils an einen Menschen und beide Partner stehen mit ihrem Leben füreinander ein und zeigen so mehr Menschlichkeit als die „normalen“ Gladiatoren, Kaiser, Kampfschulbesitzer.

 

 

5.) Inu Yasha von Rumiko Takahashi
ist ein echter Klassiker und es gibt eine Neuauflage. Das Mädchen Kagame fällt durch eine Brunnen in eine Welt voller Dämonen, von denen die meisten den Menschen Böses wollen. Sie bringt ohne es zu wissen das Juwel der vier Seelen mit, das unglaubliche Macht verleiht. Nachdem es während eines Angriffs zersplittert, müssen sich Kagame und der widerwillige Halbdämon Inu Yasha wohl oder übel gemeinsam auf die Suche nach den Teilen machen.

Für die Schulbibliothek eignen sich von den beschriebenen Mangas bisher wohl nur Death Note und Inu Yasha.

 

6.) Black Butler von Yana Toboso
Naja, nach nur einem Band lässt bei einem Manga wirklich noch nicht viel sagen, aber der Butler von Ciel, des Erben der Familie Phantomhive kann wirklich alles, Kochen, Kämpfen, den Haushalt führen. Einer der Mangas, die im viktorianischen England spielen. Und am Ende des Bandes zeichnet sich ab, dass so etwas wie ein Teufelspakt dahinter steckt…

 

 

 

7.) Tokage von Yak Haibara
Die ganze Geschichte besteht bisher aus drei Bänden. Ein WEsen namens Tokage ist dazu verurteilt, ewig zu leben und muss dazu von einem kürzlich verstorbenen Körper in den nächsten wechseln. Dabei kommt er mit dem Bruder seiner letzten Übernahme in Kontakt und es stellt sich eine unerklärliche Verbindung her. Der geist möchte eigentlich nur endlich sterben, aber davor sind Hindernisse zu überwinden, denn sein Urteil soll nicht aufgehoben werden. Ein Manga eher für so ab 15, 16 Jahren.

 

 

8.) Defense Devil von Youn In-Wan

To be continued…

 

Elfriede Jelinek über Ingeborg Bachmann

Posted: 30th November 2014 by juhudo in deutsch, NeuesGelernt
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…weil ich eigentlich ja Malina lesen und nicht herumsuchen sollte. Aber Ergebnis sehr interessant.

 

Welche literarischen Bezüge gibt es für österreichische Autorinnen im Jahr 2003 zu Bachmann und vor allem, inwiefern ist in der heutigen Literatur Bachmanns Geist noch spürbar? (Der Standard 10. Oktober 2003)

 

Something New 02: Pferdeflüstern

Posted: 1st April 2013 by juhudo in NeuesGelernt

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Naja, nicht ganz neu. Mit der ziemlich gescheiten Kommunikation mit Pferden, ob es jetzt Natural Horsemanship heißt, oder von Monty Roberts, Pat Parelli oder anderen stammt, beschäftige ich mich schon seit einigen Jahren. Ich hab zwar kein eigenes Pferd, habe aber seit November wieder eine regelmäßige Reitbeteiligung auf einer Camarguestute. Mittlerweile haben wir ein ganz gutes Verhältnis.

Bei all diesen Methoden geht es darum, sich dem Pferd als „Leitstute“, der man vertrauen und bei der man sich entspannen kann, zu präsentieren, damit es als Fluchttier auf seinen Reiter/seine Reiterin achtet und sich bei ihm/ihr sicher fühlen kann. Das dient der Sicherheit von Pferd und ReierIn, verbessert das Verhältnis der beiden und lässt sich auch als „Sportart“ und „Hirntraining“ einsetzen. Wenn Pferde vor allem im Winter viel Zeit in der Box oder im Paddock verbringen müssen, kann es zu Verspannungen kommen. Am letzten Donnerstag haben wir uns mit der Dehnung des Pferderückens beschäftigt und einige Übungen gelernt. Sandra Fencl, mit der wir zum zweiten Mal gearbeitet haben, hat ziemlich viel Ahnung von Pferden und uns einiges über den Zusammenhang von Muskelverspannungen und Problemen bei Pferden erklärt.

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Nachdem Pferde nichts anderes zu tun haben, als auf uns zu achten, wenn wir mit ihnen spielen oder arbeiten, spiegeln sie auch unser Körpergefühl recht gut wider und es ist wichtig, selber körperlich fit zu sein, wenn man ihre Anerkennung will. Ich bin überzeugt, dass das auch meinem Job als Lehrerin zugute kommt.

 

Something New 01: Geisterstädte

Posted: 31st März 2013 by juhudo in NeuesGelernt

Ich hab Lust, eine neue Kategorie zu eröffnen: Da ich mir ja sicher bin, jeden Tag etwas Neues zu lernen, starte ich wieder einmal so einen Tagebuchversuch, das aufzuzeichnen. Es wird sich sicher nicht durchhalten lassen, tägliches Tagebuch ist ja wirklich nix für mich, aber schauen wir einmal.

Für heute gibts einmal was über Geisterstädte. Ich hab das Buch von Alex Capus Skidoo gelesen. Nein, es hat nix mit den Schneemobilen zu tun, sondern eben verlassene Gold- und Silberminenansiedlungen in Kalifornien und Arizona. Ich war sogar schon einmal in einer oder zwei, aber keine Ahnung mehr, wie sie geheißen haben. Waren aber auch in der Gegend – still, heiß und langweilig.

Jetzt hab ich gelernt, dass da durchaus Interessantes passiert ist. Im späteren Panamint City entdeckten Desperados, die gerade eine Wells Fargo-Postkutsche überfallen hatten, silberhaltiges Gestein. Um etwas davon zu haben, mussten sie sich erst mit Wells Fargon über die Legalität ihres vorherigen Unternehmens einigen. Anschließend kamen hunderte Menschen, weit über  90% Männer an, die meisten davon zwischen 18 und 25 Jahren.

Hinzu kamen binnen weniger Wochen zwei Banken, ein Schumacher und ein Barbier, drei Ärzte, vier Anwälte sowie ein Apotheker, ein Metzger und ein Juwelier. […] Eine Schule oder eine Kirche gab es in Panamint City nie, auch keinen Sheriff, kein Gericht und kein Gefängnis. In den fünf Monaten von November 1875 bis März 1875 wurden im Städtchen fünf Menschen totgeschossen, aber niemand wurde für diese Taten jemals verurteilt; der junge und allseits beliebte Friedensrichter Cassius Smith, der interimistisch als Untersuchungsrichter waltete, erkannt in sämtlichen Fällen auf Notwehr. (Campus, Skidoo, s 19)

In Skidoo wurden ein Mann zweimal erhängt (obwohl er nach dem ersten Mal schon tot war), in der Nähe von Salt Wells erfror vielleicht jemand bei glühender Hitze (Jonathan Newhouse), Flagstaff (das es noch gibt, ich erinnere mich an eine tequilagetränkte disconacht, in der die Männer die Cowboyhüte beim Tanzen aufbehielten) lag auf einem Kamelpfad, der zur route 66 werden sollte. Meiner Meinung nach die beste Geschichte!

Dafür, dass es sich hier gerade einmal um 74 Seiten Text (mit Bildern!) handelt, ist das Büchlein ziemlich lang bei mit im Zu-Lesen-Stapel gelegen. Es handelt sich dabei um einen jener Bände, die ich so beim Durchstöbern von Buchhandlungen sehe, interessant finde UND mitnehme.
Auf der Rückseite wird ein Western versprochen – zumindest in meiner Vorstellung wird das nicht eingehalten, aber nach erster anfänglicher Enttäuschung einiges über Geisterstädte aus Kalifornien und Arizona nachgereicht, das wirklich interessant ist. Ich hab mir noch nie Gedanken darüber gemacht, was Alex Capus da recherchiert hat, zum Beispiel dass es sich um Bergbauorte handelte und die Gold- und Silberadern schon nach wenigen Jahren ausgebeutet waren. Außerdem gibts viel Skurriles, wie einen Anzug aus Schwämmen, der vor der Hitze schützen sollte und in dem der Erfinder erfroren ist. (Vielleicht! Ein paar Quellenangaben außer den bestehenden Fotos wären noch schön.)
Funny: Ich wollte nach der Lektüre des Klappentextes dieses Buch lesen. Meine Tochter den früher erschienenen Liebensroman „Léon und Louise“. 😉

 

Elternfeedback

Posted: 5th März 2013 by juhudo in klassenvorstand, schule
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Proudly presenting:  Zu den unterschiedlichen Reaktionen, die ich in Clash of Cultures beschrieben habe, erhielt ich heute ein Email, über das ich mich sehr gefreut habe. Made my Day!

Sehr geehrte Frau Prof. Junghuber!

Letztes Wochenende habe ich das von Ihnen vorgeschlagene Buch „Die Liebe zur Zeit des Mahlstädter Kindes“ regelrecht verschlungen und wollte Ihnen mitteilen, dass es mich überaus angesprochen und gefesselt hat!

Das Buch bringt einem sehr nahe, wie groß die Einsamkeit und die menschlichen Nöte in der Gesellschaft sein können, aber auch den Egoismus der Personen, bis hin zur Entpersonifizierung der Mitmenschen mit all ihren
Auswüchsen. Und nicht nur Männer sind Täter, sehr wohl auch Frauen!

Wir sind Ihnen sehr dankbar und finden es auch beachtenswert, dass Sie ein solches Werk unserer Jugend näher bringen!
Trotz der Widerstände hoffe ich, dass Sie auch weiterhin solche Inhalte in den Unterricht einbinden, Sie haben dabei unsere vollste Unterstützung.
Noch nie zuvor haben wir mit Sam so über ein Buch diskutiert, allein das ist wunderbar und freut uns sehr!

Ich werde das Buch auf jeden Fall für unseren nächsten Literaturkreis vorschlagen, eine Bereicherung!

Dafür und für Ihren Einsatz vielen herzlichen Dank, liebe Grüße

….

Ein Highlight für mich. :-)

Meteore und Drachen

Posted: 18th Februar 2013 by juhudo in schule

Nachdem vor ein paar Tagen ein größerer Meteor an uns vorbeigeflogen ist und einige kleinere in Russland gelandet sind:

DracheTobi2Vor ein paar Wochen habe ich mit einem meiner Erstklassler ein langes, ernsthaftes Gespräch über Drachen geführt. Daraufhin hat er mir dieses Bild mit einer Geschichte geschenkt. Ich hab mich sehr darüber gefreut – das kommt im Gymnasium nicht mehr sehr oft vor.

„Hier ist das Bild ‚Drachenwacht‘. Es handelt um einen Drachen der sich im endlosen All um die Erde schlingt. Er beschützt ihn er frisst ihn nicht.
Es ist ein bewachen seit Uhrzeiten.
Wir sehen ihn als Atmosfähre die uns vor Meteoren schützt. In wirklichkeit verbrennt er die Gesteinsbrocken. Alle zwölf Stunden legt er einen Flügel auf die eine Erdseite: dann wird es Nacht.“

Anscheinend hat der Drache letzte Wochen nicht alles regeln können. 😉
(Ich hab versucht, alles richtig abzuschreiben.)

Clash of Cultures

Posted: 9th Februar 2013 by juhudo in buch, deutsch, klassenvorstand, lehrer, schule
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So, zu Ferienbeginn schreibe ich noch über ein Ereignis, das Mitte Jänner stattgefunden hat und über das ich unbedingt noch weiter nachdenken wollte. Aber zuerst die Vorgeschichte, eine etwas längere ;-).

In den Sommerferien 2011 las ich den Erzählungsband des jungen Grazer Autors Clemens Setz „Die Liebe zu Zeiten des Mahlstädter Kindes“ und war rundum begeistert. Endlich ein junger österreichischer Autor, von dessen Texten ich mir vorstellen konnte, dass sie meinen SchülerInnen, denen der jetzigen 7. Klasse (11. Schulstufen, Alter von 17 – 20) gefallen könnten und nahm mir vor, wenn sie sofort mit meiner Klasse zu lesen, wenn das Taschenbuch erscheinen würde. Meine Kurzrezension für Librarything und für mein Blog sah folgendermaßen aus:

Misstrauisch startete ich mit der kürzesten Erzählung, dem Gespräch der Eltern von Hänsel und Gretel. In der Nacht, bevor die Kinder zum ersten Mal ausgesetzt werden sollen, ist die Frau so genervt davon, dass der Holzfäller ein so schwacher Suderant ist, dass sie es  fast nicht mehr mit ihm aushält. Ihre Lösung ist es, die Kinder loszuwerden um nicht selbst zu verhungern – und das während verzweifelten Geschlechtsverkehrs.

Setz stellt eine Parallelwelt neben der anderen dar – aber jede ist im Bereich unserer Möglichkeiten und schrammt nur haarscharf an der Wirklichkeit vorbei. Eine Frau möchte von ihrem Partner in einem Käfig gehalten werden. Die übertriebenen Ängste eines Vaters um seine Tochter werden wahr gemacht, alte Frauen prostituieren sich auf der Straße als Mütter ungeliebter Erwachsener und lassen sich für Fernsehen bei offener Tür oder Ermahnungen bezahlen, ein Mann findet eine Leiche und behält sie, Menschen finden Befriedigung darin, die Skulptur eines Kindes durch Gewalt zu verändern und werden selbst verändert.

Immer bricht etwas Irreales in den Alltag ein, verändert ihn und wird selbst zum Alltag – in Form von Realitätsverweigerung, Psychosen, Visionen oder es wird selbst Realität. Die Erzählungen sind schräg und spannend. Seit langem hat es mir nicht mehr so gut gefallen einen deutschsprachigen (und sogar österreichischen Autor) zu lesen.

Ich hab das Buch meinen beiden Kindern (damals 16 und 18 Jahre) in die Hand gedrückt, die haben es damals aber natürlich nicht gelesen (mein Sohn beschäftigt sich jetzt aber im Rahmen der Maturavorbereitung mit Clemens Setz) und einigen KollegInnen empfohlen.

Weil ich die Dinge, die mir wichtig sind, meistens nicht vergesse, habe ich zu Beginn des Schuljahres meine SchülerInnen gebeten, sich neben einigen Reclamheften zu Klassik und Romantik auch „Die Liebe zu Zeiten des Mahlstädter Kindes“ zu besorgen.

Im November des besuchten mich die Eltern einer meiner Schülerinnen in der Sprechstunde. Etwas peinlich berührt und sehr vorsichtig mir gegenüber. Wenn ich das Gespräch mit meinen eigenen Worten zusammenfasse, meinten sie, dass es sich bei den Erzählungen um sehr wenig frauenfreundlichen Umgang mit der Sexualität, wenn nicht sogar um Pornographie handle. Ich glaube nicht, dass mich etwas in meinem Leben bisher mehr überrascht hat. Natürlich gibt es Textstellen, die eine deutliche Sprache sprechen, aber meine Lektüre lag über ein Jahr zurück und ich hatte keine Erinnerung an pornographische Stellen. Wir vereinbarten also, dass ich mich wieder einlesen würde und dass wir dann ein weiteres Gespräch führen wollten. Klar war nur, dass ich von den 18 Erzählungen, die der Band enthält ohnehin nicht alle im Unterricht besprechen wollte.

Beim Wiederlesen fand ich dann auch eine Erzählung, bei der meiner Meinung nach jede/r selbst entscheiden können muss, ob er/sie lesen will, aber die anderen sind modern, spielen auch ganz offensichtlich in der Gegenwart und behandeln ironisch Themen wie Einsamkeit, Gewalt, Märchen, Isolation, Mobbing und auch Sexualität, aber auf so ironische und absurde Art und Weise, dass der sexuelle Aspekt für mich immer nur Nebensache war und halt dem Fortgang der Geschichte diente. Aber wahrscheinlich kann man darüber verschiedener Ansicht sein.

Vor dem nächsten Elternabend traf ich mich dann mit den Elternvertreterinnen und ich versuchte meinen Standpunkt klar zu machen. Die besonders beanstandeten Erzählungen hatte ich – bis auf eine – ohnehin nicht verwenden wollen und für  „Weltbild“ spricht in Zeiten von „Shades of Grey“ (gegen das die Mütter nichts haben) alles: Es geht darin zwar überhaupt nicht um Sexualität und Softporno, sondern „nur“ um das Thema Unterwerfung, aber einen sprachlich ausgezeichneten Text mit einem doch irgendwie vergleichbaren Sujet dem Weltbestseller entgegenzusetzen scheint mir einfach nur richtig. Außerdem sehe in die gute Möglichkeit  an Märchen, Kafka etc. anzuknüpfen. Naja, jedenfalls gab es zwar weitere Bedenken und die Bitte, die Unterrichtseinheiten „gut zu begleiten“, aber meine grundsätzlich guten Absichten bei meiner Lektüreauswahl wurden anerkannt. Abschließend wurde ich ersucht, die Ergebnisse unserer Besprechung den inzwischen langsam eintreffenden weiteren Eltern zu erläutern, damit sie sich auf etwaige Fragen ihrer Kinder vorbereiten könnten.

Und jetzt beginnt der „clash of cultures“, der sich aber sehr kurz darstellen lässt: Von „wir müssen unsere Kinder vor einem wenig wertschätzenden Umgang mit der Sexualität beschützen“ bis „wann sollen sie es denn sonst lesen“ und „wir sind froh, dass sie auch so etwas im Unterricht behandeln“, von „können sie nicht etwas Schönes lesen“ bis „Kunst muss auch hässlich sein dürfen“ prallten die Fronten in einen ziemlich emotionalen Diskussion aufeinander. Einen interessanteren Elternabend habe ich bisher noch nie erlebt!

Es ist erstaunlich, welche Lebensentwürfe in der Schule zusammenkommen und dass das alles überhaupt funktionieren kann! Ich habe jedenfalls viel darüber gelernt, wie Erziehung aufgefasst werden kann und dass welche anderen Auffassungen darüber existieren. Toll war, dass die verschiedenen Ansichten durchaus wertschätzend präsentiert wurden. Und jetzt bin ich gespannt, was sich in der Klasse tun wird, wenn wir die Erzählungen nach den Semesterferien lesen werden.

Die Erzählungen, die wir lesen werden:
Weltbild, Die Leiche, Das Gespräch der Eltern von Hänsel und Gretel, Mütter, Die Entschuldigung, Die Liebe zu Zeiten des Mahlstädter Kindes, Das Riesenrad, Kleine braune Tiere.

Weg damit!

Posted: 2nd Januar 2013 by juhudo in kreatives schreiben

 

weg damit!

die klage, die banker seien an allem schuld, weg damit. weg mit dem bashing von obama und tiger woods. songs der achtziger («do you really want to hurt me?») – weg damit. weg mit den billigorchideen, vollkornnudeln und leserreportern. die sterblichkeit, das ist wirklich das allerletzte, weg damit. sammelbände und monologe. ehrgeizige mütter auf elternabenden – bloss weg damit. latte macchiato, jahresrückblicke, die farbe lila – alles weg! «hallo» als e-mail-anrede, weg damit, ebenso spam-mails und e-mails an alle – weg, weg, weg! unternehmensberater, die den renditewahn bis in den letzten anständigen winkel tragen, weg mit ihnen. die rede von der «neuen bürgerlichkeit» bei leuten, die gar keinen begriff von der alten haben. auf jeden fall weg: die pubertät und deshalb auch der blog von kai diekmann. schweinegrippe, wirtschaftskrise – beides weg. weg mit allen ewigen ausreden. weg mit dem fernsehen, wenn das nicht geht, dann wenigstens weg mit der gez. enthaarungszwang und schlankheitswahn, weg damit. «notleidende banken» – weg damit, ebenso «spekulationsblasen». weg mit feminismuslarmoyanz («männer wollen eh nur junge dinger»). weg mit rucola-pinienkern-salat. weg mit der bezeichnung «kreative» für menschen, die keine künstler, sondern geschäftsleute sind. gundula gause ist klasse, aber ihre lord-helmchen-frisur muss weg. ebenso alle sinnsuche. weg mit aufsteigern in politik und wirtschaft, die ihr herkunftsmilieu verraten. weg mit twitter, ego nervt einfach. energiesparlampen. weg mit adolf-stasi-raf-so-war-es-wirklich-filmen. trillerpfeifendemos, weg damit. weg mit «tschüss-tschüss», ausserdem «tschüssitschüssi», «tschö» und dem gedehnten «tschühüs». weg mit schröderismen wie «das macht sinn» oder «von daher». torlinienrichter im strafraum, weg mit ihnen. künstliche aromen, sahnefestiger und süssstoff. weg damit. und stefan george? muss eigentlich auch nicht mehr sein. weg mit politisch korrekten kommentaren (von zeit-redakteur/innen) – und den manisch unkorrekten (von giordano bis henkel). der schwarz-gelbe steuersenkungswahn – weg damit. «früher war an der uni alles besser» – unsinn, also weg damit. weg mit dem spd-blues, überhaupt mit dem mitleid für parteien. weg mit den impfgrüblern – entweder man ist jetzt geimpft oder nicht. eines noch: weg mit «yes we can», man muss nicht immer können.

(die zeit, 30.12.2009)